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Klar übertreibe ich, aber ich kann nicht mehr zählen, wie oft es in Kommentaren zur Verkehrspolitik "die vs. wir" heißt. Wie oft DIE Radfahrer die ganze Stadt an sich reißen und alle anderen verdrängen wollen, wie rücksichtslos DIE Autofahrerinnen in SUVs alle Kinder auf Schulwegen gefährden. Glaubt man den Schimpforgien, wird ein Neugeborenes in einen leeren Raum mit einem Paar Birkenstocks und einem Porscheschlüssel gesetzt und je nachdem, in welche Richtung es krabbelt, besiegelt es sein Schicksal für immer und muss in dieser Klischee-Schublade verweilen.
Dass Menschen stolz auf ihr Auto sind, es sich erarbeitet haben, es auch als kleines Statussymbol betrachten, ist nachvollziehbar und menschlich – ich verstehe das. Wirklich. Ich freue mich auch über meine moderne Wohnung oder über meine Playstation und ebenso empfinde ich es als kleine Demütigung, mich in der Straßenbahn zwischen lauter fremde Menschen zu quetschen, auf schmutzigen Sitzen zu klemmen oder am Bahnsteig hin und her zu tigern, weil ich von der DB einfach sitzen gelassen werde und keine Info kommt. Als hätte mir das Erwachsenenleben keinen Vorteil gebracht, als würden mir Gehalt, eigene Lebensgestaltung und Verantwortung trotzdem nicht ermöglichen, mich bequemer/besser/praktischer fortzubewegen als mein 9jähriges Ich.
Ganz zu schweigen davon, dass ich im eigenen Auto auch mein eigener Boss bin. Es herrscht meine Lieblingstemperatur, ich höre laut meine Lieblingsmusik, jeder Krümel im Fußraum kommt von meinem Müsliriegel und ich muss nicht raten, was das Klebrige an meinem Schuh ist oder wie viele Patschehände die Scheiben heute schon verschmiert haben. Also, klar ist das bequem.
Aber (natürlich kommt ein Aber):
Das heißt doch nicht, dass Autofahren grandios ist, Fahrradfahren nur etwas für verklärte Ökos und VOR ALLEM heißt es nicht, dass man sich für eine "Seite" entscheiden muss. Ich nehme mein Auto, wenn ich meine Familie außerhalb besuchen möchte und ich nehme mein Fahrrad, wenn die Sonne scheint und ich in die Bonner Innenstadt muss, wo ich sowieso keinen Parkplatz bekomme. Ich nehme den Zug, wenn ich zu einem Konzert in Köln fahre, weil ich mich sonst eine Stunde aus einem überteuerten Parkhaus herausstauen müsste und ich gehe zu Fuß, wenn ich im 800 Meter entfernten Drogeriemarkt mein Shampoo nachkaufe. Wieso gelte ich für manche automatisch als fanatische, autohassende Radfahrerin, wenn ich mich irgendwann dienstags dazu entscheide, auf zwei Rädern unterwegs zu sein, obwohl währenddessen mein kleiner Benzinschlucker zu Hause steht? Und wieso wird mir diese Wahl nicht zugestanden? Es muss möglich sein, diese Entscheidung zu treffen, jeden Tag aufs Neue, nach Lust und Laune und es darf weder durch das eine noch durch das andere eine unzumutbare Verkomplizierung stattfinden. Ich möchte entscheiden, dass ich unabhängig vom Verkehrsmittel gut, sicher und pünktlich im Büro ankomme, also muss es einen ordentlichen Radweg geben, eine funktionierende Straßenbahn, ein gutes Leitsystem für Autos, offene Parkhäuser und ausreichende Fußgängerüberwege. Dafür zahle ich meine Steuern und dafür wähle ich meine politische Führung.

Es wird knapp
Es hilft auch nicht, wenn ständig "ja, aber ich brauche das Auto halt" kommt. Stimmt. Manchmal geht das nicht anders und es können auch nicht alle aufs Rad umsteigen, das sagt übrigens auch niemand. Aber es schadet nicht, einen genauen Blick darauf zu werfen. Manchmal ist es Bequemlichkeit, es wurde nie ausprobiert, die körperliche Anstrengung wird über- oder die mentale Entschleunigung unterschätzt.* Manchmal ist es nur Angst, weil es ungewohnt ist, zwischen größeren und schwereren Fahrzeugen ohne Schutz unterwegs zu sein.** In beiden Fällen helfen gute Radwege. Manchmal gibt es aber auch gesundheitliche Gründe, es passt terminlich nicht, der teure Anzug übersteht die Fahrt nicht und es gibt keine Duschmöglichkeit, ja, okay. Dann nimm das Auto. Ganz einfach. Es geht nicht darum, dass du das lassen sollst, es geht darum, dass du anderen ihre Wahl lassen sollst.
Was aber wirklich niemand leugnen kann: Die Straßen, die Brücken, alles ist überlastet. Wir sind viele und wir können nicht jeden Körper noch mit 2 Tonnen Gewicht ummanteln. Wenn ich Auto fahre, kommen jetzt schon gefühlt alle zwei Kilometer neue Baustellen, jede Panne verursacht Stau und die Spuren reichen sowieso nie, der Platz ist begrenzt. Wenn jede Person aus den Bussen & Bahnen und von den Rädern je in ein Auto verpflanzt würde, was wäre dann wohl aus den Straßen los, wie voll wäre es dann? Oder sollen alle zu Hause bleiben? Denken wir den Gedanken zu Ende, sehen wir: Es gibt keine Alternative zum „unterwegs sein“. Wir können also froh sein, dass sich trotz der Schwierigkeiten immer noch so viele Menschen täglich gegen das Auto entscheiden, weil sie einfach viel weniger Platz einnehmen. Wer das nicht verstehen möchte, denkt in Lagern und spätestens dort ist die Vernunft abgeschaltet.
Ich bin mir auch selbst die Nächste
Also ist es vielleicht ein Appell, der im Vakuum verschwindet, aber dennoch: Bitte entspannt euch und denkt darüber nach, dass eure Realität nicht die Realität anderer sein muss und dass ein kurzer Ausschnitt aus einem Leben nichts über den Rest aussagt. Wir möchten alle nicht in Schubladen gesteckt werden, tun es aber fortwährend bei anderen. Und wir packen genau dann unseren Stolz und Individualismus aus, wenn es unangebracht ist: Denn es ist leider keine rein persönliche Entscheidung mehr, sobald andere beeinflusst werden. Andere Menschen – und auch wir selbst – leiden unter dem Lärm, den wir verursachen, der Luft, die wir verschmutzen und den Schlaglöchern, die wir verschlimmern, also ist es eine empathische Entscheidung, den eigenen Beitrag zu überdenken, wenn möglich auch zu reduzieren. Wir müssen eben auch als Gesellschaft handeln, uns als Teil eines Ganzen verstehen und das ist nicht immer bequem für uns selbst, aber ich merke bei meinen wechselnden Pendelstrecken: Am Ende gibt es auch mir mehr Freiheit, wenn ich sie anderen zugestehe.
* Der Aufstieg der Niederlande zur Radfahrernation: Ein tiefer Einblick ↗
** Wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene Radfahren erleben: Fahrradmonitor des BMV↗
©Fotos: Unsplash

Laura Stolle
Grafikerin
Laura ist unsere Design-Zauberin: Ob Magazinlayout, Sharepics oder Logos, sie bringt jedes Projekt zum Strahlen. Weil Laura sich in die Themen unserer Kunden immer aufmerksam hineindenkt, entwickelt sie besonders schöne und nachhaltige Designs.
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